Academia and professional practice in international cooperation

Inspiriert von Layne Moslers ‚Taxi Gourmet‘, habe ich mich entschieden, über Orte zu bloggen, an denen ich Forschungs-Interviews geführt habe. Ich untersuche, wie die Dezentralisierungspolitik von Akteuren im Primarbildungssystem in Benin verstanden und umgesetzt wird. Während 7 Monaten habe ich Gespräche mit betroffenen Akteuren gesprochen. Dabei habe ich beobachtet, dass die Orte, an denen die Interviews geführt werden, ausschlaggebend für den Gesprächsverlauf und die Ergebnisse sind.

Montag, 26. Juni 2017

Summ, summ, summ, Bienchen flieg herum- Bilanz meiner siebenmonatigen Feldforschung in Benin



Es ist eine Freude dem Spiel der Schmetterlinge und Eidechsen in unserem Garten zu zuschauen- die einen flattern verspielt von Blume zu Blume, die anderen eilen geschwind von Stein zu Stein. Es ist ein Spiel aus Schatten und Sonne unter einem durchwachsenen Himmel. Ich bin dabei meine Interviews zu dokumentieren. Wenn ich meinen Blick vom Computer hebe, um meinen Augen einen kleinen Augenblick der Entspannung anzubieten, schweift er und folgt dem ‚Gartenspiel‘, eingebettet in ein entspannendes Grün.  Wenn mein Blick unseren Tierchen im Garten folgt, entstehen neue, ganz unerwartete Zusammenhänge zwischen meinen Informationen, die zu Themen werden. Meine Analysen fliegen davon, werden verworfen, ersetzt und neu konzipiert. Manchmal legt sich ein Schatten auf sie, dann erhellt sie wieder ein Sonnenstrahl.

Ich nähere mich dem Ende meiner Datensammlung, bestehend aus Interviews und Dokumentenanalysen, in Benin. Ach, es gäbe noch so viele Menschen, mit denen ich zu meinem Forschungsthema, den Diskursen und sozialen Praktiken der Dezentralisierungspolitik in der Beninischen Grundbildung, sprechen möchte. Gleichzeitig fühle ich mich ‚gesättigt’ mit Informationen. Man schlägt mir noch diesen oder jenen Gesprächspartner vor, aber mein Bedürfnis entspricht der Verdauung nach einem guten Essen. Sich bei einem Espresso etwas zurücklehnen, Gedanken schweifen lassen, erste Bilanzen ziehen- erstmal keine neuen Fässer mehr zum Thema Nepotismus oder Korruption aufmachen. 

Auch wenn mein Ausländerstatus mir wahrscheinlich den ein oder anderen Einblick verwehrt hat bzw. ich die ein oder andere Situation kulturell bedingt nicht wahrgenommen oder anders eingeordnet habe-was mein Forschungsassistent mir diplomatisch zu verstehen gegeben hat, hat mich meine kulturelle Sozialisierung und nicht zuletzt meine Haut und Sprache auch geschützt. Man war verzeihlich mit mir, dass ich keinen 5.000 CFA Schein für die Forschungsgenehmigung über den Schreibtisch gereicht habe; man war verzeihlich mit mir, dass ich meine linke Hand zum Begrüßen gereicht habe, weil ich rechts verletzt war. ‚Sie ist nicht von hier, sie kann es nicht wissen…‘, müssen sich meine Interviewteilnehmer gedacht haben- immer freundlich, meist hilfsbereit, manchmal offener, manchmal weniger offen. 

Der Name meines Mannes hat eine gewisse Tragweite in Benin. Oftmals haben meine Interviewees gesagt, ‚einer Schwester aus Savalou können wir keinen Gefallen verwehren‘. So nahmen sie sich Zeit für unsere Gespräche und unterstützen mich auch danach mit weiteren Kontakten und Informationen. Ich stelle lediglich Vermutungen an- um das Wort der Hypothese zu vermeiden, Gewissheit habe ich nie, was meine einzige Gewissheit wäre;-). In meinem ersten Doktorandenjahr habe ich viel darüber nachgedacht, wie meine vorherige Tätigkeit bei einer bilateralen Entwicklungsagentur meine Feldforschung beeinflussen würde. Bald am Ende meiner Datensammlung angekommen, wage ich zu vermuten, dass nicht so sehr mein vorheriger Arbeitgeber mir die Türen in den Ministerien geöffnet hat, auch wenn viele ehemalige Kollegen ebenfalls sehr unterstützend waren, sondern der Name meines Mannes. 

Interviews, vor allem in einem kulturellen Kontext, der einem nur bedingt vertraut ist, sind eine ethische Gratwanderung; darüber zu schreiben, noch viel mehr. Es macht mich angreifbar und damit verletzlich. Das muss ich aushalten, weil meine Gesprächspartner sich ebenso verletzlich machen, indem sie mir ihre Diskurse und sozialen Praktiken zur Verfügung stellen. Ich stelle meine Gedankengänge der Öffentlichkeit zur Verfügung, um konstruktiv-kritische Rückmeldungen zu erhalten, denn nur so kann ich meinen Blick schärfen.

Dienstag, 13. Juni 2017

‚C’est les bidons vides qui font le plus de bruits‘- ein Kunstwerk der anderen Art




Ich nähere mich dem Ende meiner Datensammlung, bestehend aus Interviews und Dokumentenanalysen, in Benin. Es war eine große ‚Spannbreite‘ an Menschen, mit denen ich gesprochen habe. Vor jedem Interview stand ich morgens prüfend vor dem Spiegel, Perlenohrring ja oder nein, lieber die klassische Bluse oder ein traditionelles Kleid? Meine Beobachtung war, je mehr professional power ein Interviewee besaß, z.B. ein Berater des Ministers, desto weniger musste er es mir gegenüber ausspielen. Er ist sich seiner Position sicher, manch Intellektueller dabei, der kritisch reflektiert, wenn er seine ‚Verwaltungshaut‘ abgelegt hat.  

C’est les bidons vides qui font le plus de bruits‘, sagt mein Mann mir eines Tages, als ich etwas frustriert nach einem Gespräch mit einem ‚mittleren‘ Beamten in einer Gemeinde zurückkam. Mein Forschungsteilnehmer war sich seiner Rolle nicht sicher… Er musste sich erstmal Sicherheit verschaffen, in dem er mein Forschungsthema/ -design kritisierte. Am Ende fragte er mich, ob er ‚auf der Höhe gewesen sei‘ meine Fragen zu beantworten. Nun konnten wir uns beide etwas besser annehmen. 

Oft muss ich noch an die Rinderzunge mit Kartoffelpüree denken, die wir nach einer Interviewreihe in einem französischen Restaurant mit griechischem Namen gegessen haben. Ich hatte die Möglichkeit- durch einen bestehenden Kontakt- mit einem hochrangigen Beamten der Vorgängerregierung zu sprechen. Mittlerweile doziert er an einer der Hochschulen in Benin. So nahm er sich auch meiner an- in der Rolle des dozierenden Experten zur Dezentralisierung. Wir trafen uns mehrmals zum ‚Dezentralisierungsunterricht‘, der alsbald zu einer kritischen und manchmal auch widersprüchlichen Diskussionsrunde zu dritt wurde. 

Für das erste Treffen hatte ich das Französische Kulturzentrum vorgeschlagen- dort gibt es guten Espresso und man kann im Schatten draußen sitzen- dachte ich. Nun fällt es mir wie Schuppen von den Augen, wie viele Denkfehler ich auf einmal gemacht habe. Nicht nur konnte ich in einem offenen Raum wie diesem die Anonymität meiner Gesprächspartner nicht gewähren, sondern habe auch die möglichen Gefühle gegenüber einer französischen Institution aufgrund der Kolonialisierungsgeschichte Benins ignoriert. ‚Entschuldigen Sie, Madame, aber die Franzosen sind manchmal etwas merkwürdig‘, sagte mein Interviewee am Ende und bezog seine Stellungnahme auf die unfreundliche Bedienung, die zwar Beninerin war, jedoch in einem französierten Kontext performte. Das schloss offensichtlich nicht den französischen Restaurantvorschlag meiner Forschungsteilnehmer am Ende des Gesprächs aus.

Die weiteren Treffen fanden in einem Konferenzraum statt, der mein ehemaliger Arbeitgeber freundlicherweise zur Verfügung stellte. Obwohl ich versuchte diplomatisch klarzustellen, dass ich nicht mehr den chapeau als xxx Beraterin trug und durch die Räumlichkeiten keinerlei Vorteile entstehen würde, war sein erster Satz am Telefon, als er freundlicherweise einen weiteren Interviewee für mich akquirieren wollte: „Wir sind hier in den Räumlichkeiten des xxx…“. Diese Haut war schwierig abzustreifen, mein ehemaliger Arbeitgeber ist fest etabliert im beninischen Kontext. 

Und dennoch ist mein Eindruck, dass power nicht statisch ist, weder der meiner Forschungsteilnehmer, noch meiner selbst. Das Kunstwerk ist, zwischen den ‚Machtflüssen‘ zu navigieren, power zu reduzieren, in dem man Raum lässt, Wertschätzung zeigen, gelassen bleiben, auch wenn man kritisiert wird. Es ist ein Kunstwerk, kein Einfaches.

Donnerstag, 20. April 2017

'C'est la rupture' oder Bier und Kuchen



Die Gruppendiskussion mit Lehrern einer Vor- und Grundschule gestern bei uns zu Hause war eine reine Freude. Nach meinen ersten Erfahrungen im Norden, die Interviews dicht getaktet, unausweichlich während der Unterrichtszeit, den Schulinspektor immer im Rücken, habe ich meine Strategie geändert. Unterrichtszeit ist ein alarmierendes Thema in Benin. Strukturelle und individuelle Faktoren reduzieren die Unterrichtszeit dramatisch (verlässliche Zahlen stehen mir nicht zur Verfügung). Da ich zu diesem Thema zuvor in Benin gearbeitet habe, möchte ich nicht, dass meine Datenerhebungen während der Unterrichtszeit stattfinden.
  
Es stimmt, es war etwas mehr Verhandlung mit den Schulleitern notwendig, um mir ihre Lehrer währen der Osterferien abzustellen.  Die Letzteren schienen jedoch ganz und gar nichts dagegen zu haben, bei ‚Bier und Kuchen‘ (der Kaffee wurde ausgeschlagen;-)) auf unserer portugiesisch gestalteten Veranda über ihren Schulalltag zu reden; ein runder Tisch, fünf gemütliche Sessel auf einer Augenhöhe. Es gefiel ihnen und mir so gut, dass wir anstelle von anderthalb Stunden zweieinhalb Stunden zusammensaßen und das Auseinandergehen fast schwer fiel. 

Die Lehrer, das sind 3 Frauen und 1 Mann oder 2 Vorschul- und 2 Grundschullehrer oder eine Referendarin und drei Vertragslehrer (nicht verbeamtet), vielleicht in ihren 30-igern oder 40-igern, beste Voraussetzungen, um eine gemeinsame Ebene herzustellen. Die Stimmung war respektvoll, zuerst, bonjour madame, merci madame, und wurde sehr schnell ausgelassen. Witze flogen hin und her: didaktische Materialien wurden in diesem Schuljahr noch nicht in die Schulen geschickt sowie nur ein Viertel der staatlichen Subvention, c’est le gouvernement de rupture. Das ist eigentlich der Slogan des aktuellen Präsidenten, der alles anders machen möchte als sein Vorgänger.

Im Mitteilteil unserer Diskussion beugten wir uns gemeinsam über eine ‚Akteurslandkarte‘. Ich bat meine Forschungsteilnehmer zu rekonstruieren, welche Akteure in den Schulbau und –Reparation- eine Kompetenz der Kommune- beteiligt sind. Wir diskutierten, welche Akteure einflussreicher als andere sind und wie sie zueinander stehen; dass die Genehmigung und Finanzierung der Anträge maßgeblich von der Nähe des Schulleiters und der Elternvertretung zur politischen Partei des Bürgermeisters abhängt oder deren Kenntnis von und Beziehung zu NGOs und Stiftungen, falls sich die Gemeinde taub stellt. 

Trotz Witz und Leichtigkeit und vielleicht gerade deshalb wurden Dinge herausgehauen, die stark waren. On nous forme en désordre, pour nous mettre sous l’arbre, sagte eine Forschungsteilnehmerin und spielte damit auf die zahlreichen privaten Lehrerausbildungsinstitute an, die vorwiegend aus kommerziellem Interesse junge Menschen zu Lehrern ausbilden. Ungeachtet kultureller Regeln- z.B. Respekt des Älteren gegenüber- schien jeder zu intervenieren, wie es thematisch gerade passte oder auch nicht.  So konnte zwischendurch auch mal über das Rezept der Mango-Kokos-Rührkuchen, der auf dem Tisch stand, parliert werden.

Dennoch, aufnehmen sollte ich unsere Diskussion lieber nicht, obwohl ich ihnen zu Beginn versicherte, dass ihre Anonymität und die Vertraulichkeit ihrer Informationen gewahrt werden würde. Im Gesprächsverlauf tat es ihnen fast leid, dass sie diesbezüglich so verhalten waren, weil sie förmlich meine Gehirnstränge zwischen Moderation und Dokumentation vibrieren sahen. Vielleicht was dies ein Moment kulturellen Exempels, denn es war der männliche Forschungsteilnehmer, der diplomatisch zu verstehen gab, dass das Aufnahmegerät nicht gewünscht war- eine vorherigen Abstimmung in der Gruppe habe ich nicht wahrgenommen.

Mittwoch, 29. März 2017

Kleider machen Leute


Ich komme gerade aus dem Nordosten von Benin zurück, wo ich Interviews auf Provinz-, Kommunal- und Schulebene geführt habe. Es ist die heißeste Zeit im Jahr, staubig, viele Flächen wurden niedergebrannt. Die Kommune, in der ich meine Interviews in Schulen, ist irgendwie trostlos. Obwohl sie vor langer Zeit entstanden und wirtschaftlich strategisch ist, weil hier zwischenstaatliche Landstraßen zusammentreffen, gibt es nichts historisch gewachsenes, keine hoffnungsbringenden Anzeichen von Entwicklung. Im Gegenteil, die Kommune ist von NGO Schildern gekennzeichnet. Ein Bekannter sagte mal zu mir, „dort wo du viele Kirchen und Moscheen siehst, weißt du, dass die Menschen arm sind“. Mein ‚Armutsindikator‘ sind die Anzahl NGOs pro km².

Ich blicke in einer säuerliches Gesicht eines Beraters des Schulamts. Es versteht sich, wir waren 45 Minuten zu spät, weil ich unseren Chauffeur von sämtlichen Überholmanövern der überladenen Lastwagen abgehalten habe, die sich durch die kurvige und hügelige Landschaft schlängelten. Um den Schulamtsvertreter etwas milder zu stimmen, schlage ich ein gemeinsames Mittagessen vor. Einen Elternvertreter laden wir ebenfalls ein, um alle Interviews an diesem Tag unter einen Hut zu bekommen. Oh nein, war das klug…? In einem ausgeprägt hierarchischen Umfeld wird weder der eine noch der andere frei sprechen können. Was hat in diesem Fall mehr Gewicht, Alter oder Profession in Anbetracht dessen, dass es sich bei beiden um Männer handelte? „Das ist kein Problem“, sagt meine Forschungsassistentin zu mir. „Wir essen gemeinsam“ und dann sprechen wir individuell mit dem Elternvertreter.

Das beste Restaurant, in das ich geführt werde, ist eine Baracke aus Holz und Blech. Dennoch  macht sie die Mittagshitze- die Sonne steht mittlerweile am Zenit- etwas erträglicher. Da Essengehen aus meiner Wahrnehmung eher zur Nahrungsaufnahme dient und Smalltalk tendenziell als störend  wahrgenommen wird, essen wir also schweigend. Forschungsteilnehmer Nr. eins fragte fröhlich gestimmt nach einem großen Bier, „ob er sich nun zurückziehen dürfe, um seiner eigenen Arbeit nachzugehen“. Sehr gut, der Plan meiner Forschungsassistentin geht auf.

Worauf ich in diesem Blogeintrag hinaus möchte ist der Spagat zwischen meinen Forschungsteilnehmern. Eigentlich versuche ich mich mit allen auf eine gemeinsame Ebene zu nähern, um in einer vertrauensvollen Atmosphäre so frei wie möglich über mein Forschungsthema diskutieren zu können. Das gelingt mir mal mehr und mal weniger. Auch wenn mein Status theoretisch der Gleiche bleibt- ich bin eine Frau in ihren 30-ern, Europäerin, Doktorandin, Mutter, mit einem Beniner verheiratet, vorweg für eine bilaterale Entwicklungsagentur tätig - ist die Wahrnehmung meiner Forschungsteilnehmer sehr unterschiedlich darauf. Traditionell sind Alter, Geschlecht und Zivilstand wichtiger als zum Beispiels Qualifikation und/ oder Profession, wobei ich auch viele divergierende Erfahrungen diesbezüglich gemacht habe.

Gerade auf der nationalen Ebene, d.h. mit den Ministerien, waren meine Forschungsteilnehmer ausschließlich Männer eines gewissen Alters, meist in strategischen Schlüsselpositionen. Sie könnten sich innerlich sagen, „die Studentin, das junge Huhn“. Das taten sie jedoch nicht. Mit den meisten führte ich Diskussionen auf Augenhöhe. Natürlich bestimmte auch der Background meiner Forschungsteilnehmer ihre Wahrnehmung auf mich und die Qualität der Diskussion z.B. ob sie im Ausland gelebt/ gearbeitet/ studiert hatten, ob sie selber ein Doktorat verfolgten, was ihre ‚Weltsicht‘ ist etc. Auf Ebene der Provinzen, Kommunen und Schulen wurde es diffiziler. Einerseits waren meine Forschungsteilnehmer politische Persönlichkeiten, die sehr auf der Hut waren, was sie mir sagten, weil sie vermutlich von der Opposition und der Presse gewöhnt sind, dass auch alles gegen sie verwendet werden kann. Andererseits traf ich Lehrer und Schulleiter, die sehr autoritätsgebunden sind und wenig Autonomie haben, ihre eigenen Meinungen auszudrücken.

Ich versuche mein Auftreten dem Kontext anzupassen. Während ich mich in einem Kleid aus traditionellem Stoff und Sandalen in die Schulen begebe, ziehe ich eher etwas klassisch Schickes für die Präfektur an, vielleicht den Laptop unterm Arm. Während ich in hochrangigen Kreisen eher auf die Reputation meiner Universität oder die Expertise meiner Professoren hinweise, erzähle ich auf Schulebene, dass ich Mutter bin und ebenfalls mal Lehramt studiert habe. Unser Auto mit Chauffeur ist und bleibt, was es ist- ein Mittelklassewagen für beninische Verhältnisse. Mir ist bewusst, dass ich die Gräben nie schließen werden kann- zu viele Dinge trennen uns voneinander-, aber ich glaube, dass auf den ersten Blick banale Details den Verlauf des Gesprächs ändern können.

Fragen, die nicht beantwortet werden können, verbuche ich auf mein Konto. „Da habe ich mich wohl getäuscht, das ist sicherlich nicht Ihr Aufgabengebiet“. Witze versuche ich aufzugreifen: „Du bist ein Lehrer der ‚gouvernement de rupture“ (Lehrer 1 zu Lehrer 2), Lehrer 2 lächelt schüchtern. Und ich frage: „Was bedeutet das?“ In seltenen Fällen spielen die Forschungsteilnehmer auf den mittleren Ebenen auch mal ihre relative professionelle Macht gegen mich aus, in dem sie etwa meine Fragen kritisieren oder aus Unwissenheit ‚falsche‘ Aussagen treffen, um ihr Gesicht zu waren. Meine Höhepunkte sind, wenn Interviewees zu Beginn misstrauisch sind und mir kaum Zeiteinräumen wollen und sich während des Gesprächs immer mehr öffnen. Am Ende eines solchen Gespräches sagte mir ein Interviewee: „Fragen Sie mich noch mehr.“ Auch wenn ich sollte, ein Lächeln konnte ich mir nicht verkneifen.

Montag, 30. Januar 2017

Der perfekte Tag



Heute ist der perfekte Tag, einen neuen Abschnitt in meiner Datensammlung und unserem Leben in Benin zu beginnen. Es regnet in der Trockenzeit! Der Regen fühlt sich angenehm erleichternd an und wischt den Staub des Harmattans, der sich im letzten Monat auf wirklich alles gelegt hat, weg.

Perfekt, weil ich mehr oder weniger meine Interviews auf der nationalen Ebene abgeschlossen habe. Sicher, zwei drei geplante Interviews stehen noch aus und ich könnte eine Menge ungeplanter Interviews hinzufügen, aber ‚all in all‘ ist meine Recherchebilanz passabel. Die Akteure waren zugänglich und stellten mir ihre Zeit zur Verfügung. Bis auf eine frappierende Ausnahme, glaube ich…, dass ich insgesamt sehr ehrliche, manchmal auch sehr verwaltungskonforme Gespräche führen konnte. Nur ein hochrangiger Beamter aus einem Ministerium spielte offensichtlich den ‚Dummen‘ vor der ‚Studentin‘. Hinterher wurde mir zugeflüstert: „Das ist der zweite Mann im Ministerium, … das ist ein Fuchs!“

Perfekt für meinen ersten Blogeintrag: Interview expresso.

Warum Orte? Weil sie unsere Gespräche verändern… Ich muss zum Beispiel an einen hochrangigen Beamten im Bildungssektor denken, den ich bereits aus meinem vorherigen Arbeitsverhältnis kannte. Ich hatte gehofft, dass wir uns, wie auch schon, entspannt auf meiner Lieblingshotelterrasse unterhalten könnten. Stattdessen bestellte er mich in sein Büro, zuerst in Cotonou, dann, nach einem kleinen Aushandlungsprozess von meiner Seite, in Porto Novo. Aha, mein neuer ‚chapeau‘ als Doktorandin im Vergleich zum ‚chapeau‘ Beraterin in einer bilateralen Entwicklungsagentur, hat offensichtlich Konsequenzen, wer wen wohin bestellt;-)!

Während des ganzen Gesprächs blickte er konzentriert… wohin eigentlich…? Auf den Tisch, der uns voneinander trennte. Er saß auf einem Bürostuhl, ich in einem komfortablen Sessel. Und dennoch unkomfortabel, weil ich mindestens 20cm tiefer saß. Wie wir saßen setzte den hierarchischen Rahmen… Nicht nur sein Blick war konzentriert, auch seine Worte, jedes einzelne Wort war überlegt. Kein Vergleich zu unserer Diskussion auf der Hotelterrasse, in der der Diskussion keine normativen Grenzen gesetzt waren. Ich spürte, wie er jedes Wort mit seiner offiziellen Funktion, die er innehatte, abglich und prüfte, ob sie konform war. Erst gegen Endes des Gespräches- und er präzisierte seinen Rollenwechsel- kamen Elemente hinzu, die er, wie er sagte, aus Perspektive eines Forschers mit mir teilte.

Als wir bereits sein Büro verlassen hatten und bereit waren, uns zu verabschieden, unterstrich ich nochmal, dass ich mir bewusst bin, dass ich aufgrund meines ‚Ausländerstatus‘ nur begrenzt Einblick in mein Thema erhalte. Dazu sagt er mir, wohlwissend um meine beninische Familie, „Sie sind nicht fremd, unser Land ist Ihr Land.“ Und stellte mir die Frage: „Wann ist man nicht mehr fremd?“, wobei er sich auf seine Lehrtätigkeit in einem europäischen Land bezog. Da fiel mir ein Theaterstück zum Thema der aktuellen Flüchtlingsdebatte in der Heimat ein, in dem ein Schauspieler dazu sagte: „Man ist nicht mehr fremd, wenn eine neue Welle Menschen anderer Herkunft kommen.“ Das war ein schönes und offenes Ende eines Gesprächs, das ganz anders begonnen hat.